Freitag, 27. März 2009

Auf den Spuren der Ahnen „unter dem Doppeladler“


Der Doppeladler im Luster des Restaurants in einem Dorf nahe Gorizia ist ein Zeugnis der Vergangenheit - wir begaben uns auf Spurensuche:

Görz

Von meiner Gottscheer Großmutter Antonia habe ich schon erzählt – Gottschee, die einstige deutsche Sprachinsel in Slowenien, war ihre geliebte Heimat in der österreich-ung. Monarchie. Bis sie den österreichischen KK Bahnbediensteten Anton, der aus Südmähren, Feldsberg, heute Valtice, stammte, in Triest ehelichte.
Das junge Paar Anton und Antonia heiratete 1907 in der Kirche San Antonio Nuovo (in Triest am Ende des Canal Grande) und lebte einige Jahre in Triest und später – die Bahn rief den Großvater - im nicht weit entfernten Görz, wo mein Vater zur Welt kam.
Die große Katastrophe des Ersten Weltkrieges zerstörte nicht nur die Stadt Görz – die Isonzo-Schlachten forderten Hunderttausende Tote und Verwundete – sondern auch die Existenz und Heimat der Familie. Nach dem Kriegsende – sie waren Österreicher – gingen oder besser „wurden sie“ mit ihren mittlerweile 5 Kindern nach Niederösterreich „gegangen“, wo Großvater den Soldatenrock gegen die Eisenbahneruniform tauschen konnte. Denn auch für ihn gab es keine Heimatstadt Feldsberg mehr – diese wurde Tschechien zugeschlagen.

Niemals haben meine Großeltern und später auch deren Nachkommen die verlorene Heimat aufgesucht.

Es existierte lediglich eine jetzt mehr als 100 Jahre Ansichtkarte der Stadt Görz mit einer Kennzeichnung „hier“. Diese hat mir ein Familienmitglied vor einiger Zeit zukommen lassen.

Ein geheimer Wunsch ging jetzt in Erfüllung – wir haben eine Ahnenreise „unter dem Doppeladler“ unternommen, um diese Spur von Anton und Antonia zu verfolgen.

Herr und Frau Wienermädel, von den winterlichen Wetterkapriolen in Wien sowieso nicht angetan, packten einen Dreitageskoffer und ab ging es nach Süden!

Kaum eine Wiener Familie hat nicht vor Jahrzehnten die Fahrt durchs Val Canale – über die alte Reichsstrasse zur Sommerfrische an die Adria-Badeorte Lignano usw. unternommen. Wir waren also bald an der Raststätte „Dreiländerecke“ – Nostalgieort für alle Adria-Urlauber und Segler – und weil es gerade Mittag war, kehrten wir dort ein.



Wir wollten über Italien fahren, denn die Slowenen verlangen unverschämter Weise den Halb-Jahrespreis für ihre Autobahnvignette – das sponsern wir wirklich nicht!
So ging es bis Udine auf bekannter Strecke und dann ins Hinterland nach

Görz (deutscher Name, wie er in den Dokumenten meiner Vorfahren steht)
Goriza – italienisch, wie die Stadt heute heißt und
Gorica, wie sich der slowenische Stadtteil nennt

Die Stadt hatte den hinreißenden Charme einer altösterreichischen Stadt, war sie doch die Drehscheibe des Handels zwischen Österreich und Italien. Die Grafen von Görz waren einige Generationen lang mit den bedeutendsten Herrscherhäusern Europas verschwägert.







An die verheerenden Isonzoschlachten wird man an jeder Ecke durch Mahnmale, Kriegsmuseen und Schlachtenpanoramen erinnert.





Nach Ende des Ersten Weltkrieges kam Görz zu Italien, nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Görz eine geteilte Stadt, 57 Jahre lang stand ein Zaun (!) zwischen den beiden Stadtteilen italienisch und slowenisch, hier verlief die Grenze zwischen West- und Osteuropa. 2004 wurde der Zaun abgetragen, auf beiden Seiten ist der Euro Zahlungsmittel, die Grenze kann ungehindert passiert werden.
Die Stadt ist durch ihre Lage im Hinterland und die Teilung nur mehr ein Schatten ihrer selbst und lebt vom vergangenen Glanz der Monarchie.

Unsere Quartiersuche war nicht so einfach wie wir dachten, wir wollten nicht gerade im zauberhaften Golfhotel im Umland von Görz, dem friulanischen Collio,
wohnen :-)) – ein Privatquartier oder ein Albergo hätten uns gereicht. Nach einigen Runden in und um Gorizia wurden wir fündig und lernten den vorher erwähnten verblichenen Charme der kk Monarchie kennen.
Der Albergo hat schon bessere Zeiten gesehen, Signora begrüßte uns sehr freundlich auf Italienisch mit wenigen deutschen Brocken, mit Hilfe eines einigermaßen deutsch sprechenden Gastes konnten wir den Ort, von dem weg das Foto auf unserer Ansichtskarte aufgenommen worden war, ungefähr bestimmen, so wollten wir uns auf den Weg machen um den Ort einzugrenzen, wo das Haus stand, in dem sie gelebt haben.

Das obere Bild zeigt die ca. 100 Jahre alte Ansicht, das Bild darunter haben wir vom Hügel des Castello gemacht - wir vermuten, dass in diesem Bereich das Haus stand. Teil 1 der Aktion war damit positiv beendet!

Signora kochte für uns Abendessen, weil wir sowieso nicht verstanden, was in der italienisch gehaltenen Speisekarte stand, nahmen wir, was wir bekamen. Es war gut. Auch der Wein aus der Region der Tocai Friulano, eine autochtone Rebsorte Norditaliens – die EU hat das aus Markenschutzgründen für den ungarischen Tokajer abgestellt und er wird zukünftig nur mehr „Friulani“ heißen, schmeckte hervorragend.



Unser Zimmer war schön, der Parkplatz vor der Türe, die Heizung war aufgedreht (denn auch dort hatte es abends nur 5°C) und Signora sagte, in einer halben Stunde wäre es warm.

Kennt ihr die italienischen Bettdecken? Für uns Alpenländer, die wir Steppdecken und Tuchenten haben um uns gegen die Kälte zu schützen, ist ein Leintuch, in das eine Decke eingeschlagen ist, und dieses dann noch beim Fußende unter die Matratze geklemmt wird, und das noch in einem Doppelbett, ein Wahnsinn.
Die Heizung glühte, jedoch im Zimmer war es kalt, das Wasser kam nur kühl aus der Leitung, die Abendtoilette fiel ziemlich spärlich aus. Schnell, schnell unter die Decke, dachten wir, TV war eh nur RAI, Augen zu, wir waren müde. Unter der Decke war es feuchtkalt, die Füße konnte man nicht bewegen, weil die Decke unten eingeklemmt war, wenn sich der Herr Wienermädel bewegte, zog es an der Seite herein und es wurde noch kälter. Noch dazu maulte er: „ Ich komme mir vor, wie in einem Wickelpolster!“ Ich holte aus dem Kasten eine weitere Decke und legte sie über die Betten, die Zudecke wurde noch schwerer.
Wenn man einen Arm herausstreckte, fror die Schulter ein, die Nase war sowieso eiskalt ..Alles geht vorbei, auch diese Nacht, Herr Wienermädel freute sich auf das Frühstück.
Zwieback und Fredi-Kekse mit Butter und Marmelade standen da. Den Kaffee durften wir wählen. Herr Wienermädel isst so etwas nicht, er orderte Schinken, Käse und Wurst, sie kam mit einer italienischen Vorspeisenplatte für mehrere Personen!

Wir versuchten ihr verständlich zu machen, dass es uns zu kalt war. Na eh klar, zwischen 22 und 4 Uhr wird die Heizung abgedreht, und der kleine Heizkörper packte das in der verbleibenden Zeit nicht.

Wir sind im Süden !!!


Kommentare:

  1. Ein wundervoller Bericht! Ich liebe solche Geschichten und in Gorizia war ich auch schon mal. Vielen Dank für die virtuelle Reise dorthin :-)

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  2. Hallo, Ihr Beiden,

    freue mich, dass Ihr mich auf die schöne Reise nach Görz mitgenommen habt. Ich liebe Reiseberichte.
    Der Bericht über die Ahnenforschung hat mich fasziniert. Ich kenne Valtice, nun habe ich auch einen winzig kleinen Bezug dazu, kommen doch Vorfahren vom "Wienermädel" aus dem Ort. Die Vorfahren meines Mannes sind bis um 1750 weitgehend bekannt, aber von meiner Seite weiss ich leider noch nicht viel, woher die Ahnen kommen. Bin dabei, mich gerade darum zu kümmern. Es ist so was von spannend in den vergangenen Zeiten zu kramen - mal sehen was zum Vorschein kommt.

    Ich wünsche Euch ein wunderschönes Wochenende

    heidi

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  3. Hallo Frau und Herr Wienermädel,
    euer Reisebericht ist phantastisch
    Ahnenforschung ist spannend.
    Wünsche euch ein gemütliches Wochenende.
    Lieben gruss, Petra

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  4. Dieser Bericht lag mir sehr am Herzen - wegen des familiären Bezuges - und deshalb freue ich mich besonders, wenn er geefallen hat.

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  5. Das ist ja wahrlich ein toller Bericht. Sehr lebendig und ausführlich mit schönen Fotos unterlegt.
    Einen lieben Gruß zum Sonntag
    Kvelli

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  6. Nicht uninteressant!
    Aber das Wetter hätte mir das versaut. Alles grau in grau.
    Görz wirkt, abgesehen von den Denkmälern, eher trostlos.
    Auch wenn ihr ein bissel gelitten habt, schön das ihr das gemacht habt!

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  7. Toll - da wäre ich gerne mitgefahren. Triest ist eine wunderschöne Stadt (bisher kannte ich sie nur aus den Commissario Laurenti Verfilmungen).

    Was die Vertriebenen betrifft. Meine Grosseltern gehören auch dazu. Sie sind Sudetendeutsche und auch sie sind niemals an den Ort von dem man sie entwurzelt hat zurückgekehrt. Ich glaube das wäre auch zu schmerzlich gewesen, da viel verfallen und verkommen ist. Ich kann und mag es mir nicht vorstellen, was diese Leute damals durchgemacht haben. Da könnt ich heulen.

    LG ninifee

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